Gibt es Verschwendung auch in Ihrem Unternehmen?

Die sieben Arten der Verschwendung sind auf die klassische Lehre der Lean Production zurückzuführen. Die Verschwendungsarten dienen zur Identifizierung von Verbesserungspotenzialen auf dem Weg zum schlanken Unternehmen. Die Unterteilung dieser in verschiedene Kategorien hilft dabei, die Potenziale besser wahrzunehmen und zu verstehen, sowie diese zu beseitigen. Die klassischen sieben Arten der Verschwendung lauten: Transport, Bestände, Bewegung, Wartezeit, Überproduktion, Prozessübererfüllung und Fehler.

 

TIPP: Leichter zu merken durch „TIM WOOD“, die Anfangsbuchstaben der jeweils englischen Wörter Transport, Inventory, Motion, Waiting, Overproduction, Overprocessing, Defects

 

 

Unter Verschwendung ist dabei derjenige Zeitanteil zu verstehen, für den der Kunde nicht direkt bereit ist, zu bezahlen. Die beiden weiteren Zeitanteile sind wertschöpfende Zeit (derjenige Zeitanteil, durch den ein Mehrwert für den Kunden generiert wird), sowie notwendige Verschwendung (Zeitanteil, der nicht wertschöpfend ist, aber notwendig ist, um wertschöpfende Tätigkeiten auszuführen).

 

1. Transport

Transport findet man fast überall, wo Materialien bewegt werden. Der Transportweg des Materials vom Lager zur Produktionslinie, oder der Transport zwischen aufeinanderfolgenden Prozessen gehören dazu. Aber wie soll man denn ganz ohne Transport produzieren, mag man sich jetzt berechtigterweise fragen. Diese Verschwendungsart hat seine Berechtigung, damit man die Situation immer mit einem kritischen Auge betrachtet. Transport ist grundsätzlich notwendig und gehört dann auch zur notwendigen Verschwendung, welche nicht verhindert, aber minimiert werden soll. Wenn der Weg allerdings zu lang ist, Materialien unnötig hin und her transportiert werden, oder der Prozess auch mit weniger Transport zu bewältigen wäre, dann zählen diese Transporte eindeutig zur Verschwendung und gehören beseitigt.

Abhilfe wird oft geschaffen, indem das Arbeitssystem betrachtet und die Transportwege analysiert werden. Durch Optimierung des Transportsystems bspw. durch Routenoptimierung und des Milkrun-Konzepts können Verschwendungen durch Transport auf ein Mindestmaß reduziert werden.

 

 

2. Bestände

Zu große Bestände an Rohmaterial, Halbzeugen und Endprodukten sind eine weitere Form der Verschwendung. Auswirkungen sind unter anderem lange Durchlaufzeiten, zu viel Materialhandling, eine geringe Transparenz sowie hohe Lagerkosten und damit eine große Kapitalbindung.

Auch nicht zu unterschätzen ist, dass Produkte nach langer Standzeit an Qualität verlieren, veralten oder verderben können. Denken Sie nur an die Lebensmittelindustrie oder an Branchen, in denen es regelmäßig neue Sicherheitsanforderungen gibt. Wenn hier Produkte ins Hochregallager eingelagert werden und schlichtweg zu viel bestellt wurde, werden diejenigen, die hinten im Regal liegen erst nach sehr langer Zeit wieder ausgelagert – in der Regel fährt sie der Staplerfahrer dann direkt zum Abfallcontainer. Schließlich kann keiner mehr etwas mit Sicherungen anfangen, die aufgrund von veränderten Richtlinien nicht mehr verwendet werden dürfen.

 

Aber was genau heißt zu viel? Das kommt immer auf den jeweiligen Einzelfall und das Produkt an. Schließlich hat jedes Unternehmen, jede Produktionsart und jeder Lagerplatz unterschiedliche Abruf- und Lieferzeiten. Wenn Sie ein Buch bei Amazon bestellen, dauert es nicht mehr als zwei Werktage bis es geliefert wird. Versuchen Sie es mal mit Sondermagneten aus China während dem chinesischen Neujahrsfest. Wichtig ist daher, Bestände nicht in Form von Anzahl der Produkte zu betrachten, sondern als Reichweite. Diese gibt nämlich an, wie lange es dauert, bis ein Produkt wieder verbraucht ist. Da kommt es schon mal vor, dass viele Produkte eine Reichweite über 10 Jahren haben. Sie würden sich ja privat auch nicht eine Palette Waschmittel bestellen, weil Sie dabei 10 € sparen – warum tun Sies dann als Unternehmen? Viel hilft eben nicht immer viel.

 

3. Bewegung

Unnötige Bewegungen durch Suchen, Bereitstellen oder Wiederauffüllen von Werkzeugen und Materialien, die in der Durchführung der täglichen Arbeit eines Mitarbeiters entstehen, werden als Verschwendung durch Bewegung bezeichnet. Bewegung verhält sich ähnlich wie die erste Verschwendungsart Transport, nur steht hier der Mitarbeiter im Fokus.

Aber bitte nicht falsch verstehen: Nur weil Bewegung als Verschwendung bezeichnet wird, bedeutet das nicht, dass sich kein Mitarbeiter mehr bewegen soll. Es komm mal wieder auf die Verhältnismäßigkeit an. Die Effizienz steht hier im Fokus. Wenn ein schweres Gehäuse dreimal gewendet wird, obwohl es auch mit einer Wendung bei anderer Montagereihenfolge fertiggestellt werden kann, schafft der Mitarbeiter am Ende des Tages mehr und das bei weniger Rückenbeschwerden.

 

Unnötige Bewegung findet sich beispielsweise, wenn sich drei Abteilungen ein Werkzeug teilen und für jeden Gebrauch 15 Minuten Gehweg verbuchen müssen. Kommt bei Ihnen nicht vor? Erfahrungsgemäß findet sich ein solcher oder ähnlicher Fall in den meisten Unternehmen. Oft genug durften wir solch eine Aussage eindrucksvoll widerlegen.

 

4. Wartezeit

Spricht man von der Verschwendungsart Wartezeit, ist damit das Warten eines Mitarbeiters auf den nächsten Schritt im Prozess, auf benötigtes Werkzeug, auf notwendiges Fertigungsmaterial, aber auch auf Unterschriften und die Beantwortung von Mails gemeint.

 

Das ist sicherlich eine der Verschwendungsarten, die auf das größte Verständnis stößt und jedem bekannt ist. Schließlich hat jeder mal beim Arzt im Wartezimmer oder bei einer Behörde auf das Aufrufen seiner Nummer gewartet. Genauso verhält es sich auch im Unternehmen, wenn beispielsweise Mitarbeiter auf die Lieferung von Teilen durch die Logistik warten müssen oder auf das Fertigwerden der CNC-Maschine. Während der Bearbeitungszeit einer Maschine kann man schließlich auch den nächsten Auftrag oder das Rüsten vorbereiten und ggf. auch mehrere Maschinen parallel bedienen.

 

5. Überproduktion

Die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen, für die es keinen Auftrag vom Kunden gibt werden als Verschwendung durch Überproduktion definiert. Überproduktion geschieht unbewusst, wenn die Bestellmenge und der Bedarf des Kunden unklar kommuniziert wird. Bewusst zu viel produziert wird dagegen häufig, wenn bereits in der Produktionsplanung von Teilen mit Defekten bzw. ungenügender Qualität kalkuliert wird. Dies ist ein hervorragendes Beispiel für Symptombekämpfung statt Ursachenbekämpfung und damit für Verbesserungspotenzial.

 

Überproduktion beeinflusst viele weitere Verschwendungsarten, sodass es zu höheren Beständen und längeren Wartezeiten führt. Wertschöpfend ist Überproduktion definitiv nicht.

 

6. Prozessübererfüllung

Kunden sind zufrieden, wenn die vereinbarte Lieferzeit ohne Terminaufschiebung eingehalten wird, der Produktpreis konkurrenzfähig ist und die Qualitätsanforderungen erfüllt werden. Prozessübererfüllung liegt dann vor, wenn höhere Qualitätsanforderungen erfüllt werden als notwendig wären. Dies geschieht häufig, weil Unternehmen stolz auf Ihren Maschinenpark sind und gerne die Gesamtheit des Möglichen abrufen – weil es schön aussieht.

Ob der Kunde überhaupt wahrnimmt, dass das Produkt eine wertigere Oberfläche hat, oder kleinere Toleranzen erfüllt als gefordert, ist fraglich. Ob er dadurch zufriedener wird ebenso. Oft ist es dem Kunden hingegen viel wichtiger, das Produkt schneller zu erhalten.

 

Diese Verschwendungsart taucht ebenso in indirekten Bereichen auf, wenn bspw. eine Anfrage über mehrere Mitarbeiter weitergeleitet wird, obwohl nicht alle am Prozess beteiligt sind und so etwas nicht hinterfragt und abgeschafft wird. Also sparen Sie sich die Zeit und das Geld für unnötige Mehrarbeit!

 

7. Fehler/Nacharbeit

Sind wir mal ehrlich: Jeder mach mal Fehler oder? Dennoch ist es wichtig, dies nicht als gegeben zu akzeptieren, sondern mit einer Fehlerkultur ständig danach zu streben, diese zu beseitigen und die Ursachen nachhaltig zu bekämpfen. Die Folgen dieser Verschwendungsart sind typischerweise Nacharbeit, Neufertigung und Entsorgung. Produkte, die entsorgt werden müssen verursachen hohe Folgekosten, schließlich kann das Material nicht mehr verwendet werden, die Arbeitszeit wurde bereits investiert und die Neufertigung erfordert zusätzliche Kapazitäten.

 

Das Schlimmste an dieser Verschwendungsart ist jedoch nicht, dass Fehler gemacht, sondern wenn diese verschwiegen werden. Schließlich kann keiner mit einer Situation planen, die nicht kommuniziert wird. Offenheit muss also in der Unternehmenskultur gegeben sein – dafür steht auch das Management mit in der Verantwortung.

 

X. Verschwendungsart

Aus dem Toyota Produktionssystem ergeben sich die oben aufgeführten „klassischen“ sieben Verschwendungsarten. Aufgrund der Entwicklung von Lean Production zum Lean Management und durch spezifische Anforderungen und Trends, werden die Verschwendungsarten je nach Branche und Unternehmen ergänzt. Daher finden sich mal sieben Arten der Verschwendung, mal sind es acht oder auch neun. Eine richtige Reihenfolge oder Auswahl gibt es dabei nicht.

Ungenutztes Mitarbeiterpotenzial

Mitarbeiter besitzen oft Fähigkeiten und entwickeln Ideen, welche nicht zum Vorschein kommen, weil sie kein Gehör finden, keine Möglichkeiten zur Mitteilung haben oder schlichtweg nicht gefragt werden. Ein Leiharbeiter, der aufgrund seiner Fähigkeiten übernommen wurde sollte weitergebildet werden, um zusätzliche Tätigkeiten ausführen zu dürfen. Allerdings hatte ihn bei seiner Einstellung oder später keiner gefragt, was er denn alles kann. Es stellte sich heraus, dass er eine Mappe mit 27 Fortbildungsscheinen hatte - darunter auch den, den er noch erwerben sollte. Das nicht zu wissen ist verschwendetes Potenzial und gehört ausgeschöpft!

 

Schlechte Ergonomie

Das Gesundheit ein wichtiger Indikator für Arbeit ist, sollte klar sein, denn wer krank ist kann auch nicht arbeiten. Dass der Arbeitgeber allerdings einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit haben kann ist nicht unbedingt so offensichtlich. Vor allem diejenigen Mitarbeiter, die häufig gleiche Tätigkeiten ausführen, wie Bürojobs bei denen viel gesessen wird oder in der Montage, wo sich ähnliche Bewegungsabläufe ständig wiederholen. Durch ergonomische Arbeitsplätze lässt sich das Arbeiten deutlich angenehmer und gesünder gestalten.

Für die Zahlen- und Faktenmenschen: Ergreift ein Unternehmen keine Maßnahmen der Sitz-Steh-Dynamik, "verschenkt" es laut einer aktuellen Studie pro Mitarbeiter jährlich 200 € wegen Krankheitsausfalls und 1.500 € wegen Produktivitätseinbußen, insgesamt also 1.700 € pro Mitarbeiter und Jahr. Bei 200 Beschäftigten sind das jährlich über 340.000 €.

 

Verschwendungen tauchen in so gut wie jedem Prozess und definitiv in jedem Unternehmen auf. Ganz egal, ob man mit den klassischen sieben Verschwendungsarten des Lean Managements, acht oder mehr arbeitet: Sie sorgen mit dafür, dass der Wertschöpfungsanteil teilweise sogar im niedrigen einstelligen Bereich liegen kann! Was das für Qualität, Effektivität, Kosten und Lieferperformance bedeutet können Sie sich sicherlich denken.

Jeder Tag, an dem Verschwendungen nicht gezielt bekämpft werden werfen Sie Geld aus dem Fenster heraus – also worauf warten Sie noch? Identifizieren auch Sie die Verschwendungen in Ihrem Unternehmen und schöpfen Sie die Potenziale aus!

 


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